„Die Sommerzeit hat sich bewährt" - Gegen Experimente auf dem Rücken der Menschen

14.02.2018

Selten waren die Emotionen so angeheizt im Europaparlament wie bei der jüngsten Diskussion um die Sommerzeitumstellung. Eine deutliche Mehrheit war gegen die baldige Abschaffung, allen Massenmails und Abgeordnetenbeschimpfungen zum Trotz. Beschlossen wurde stattdessen, von der EU-Kommission eine vorbehaltlose und ergebnisoffene, wissenschaftlich fundierte Analyse der Vor- und Nachteile zu fordern, bevor überhaupt weitere Initiativen geprüft werden, also ein Beschluss, das Thema gründlich zu prüfen, bzw. auf die lange Bank zu schieben. Dass die Interpretation dieses eindeutigen Beschlusses nachher widersprüchlich war, zeigt die Verbissenheit und Unversöhnlichkeit der Argumente.

Deshalb sollten die Fakten nüchtern und ruhig analysiert werden: 

1. Der europäische Binnenmarkt braucht eine möglichst einheitliche Handhabung, keinen nationalen Flickenteppich.
2. Die ursprüngliche Absicht, in den 70er Jahren Energie zu sparen, ist heute weitgehend obsolet. Danach sollten Öl- und Gasvorräte höchstens noch bis zur Jahrtausendwende reichen, heute sind Vorräte und neue Energiequellen wie Wind und Sonne nahezu unbegrenzt verfügbar.
3. Gesundheitliche Probleme bei ca. einem Fünftel der Bevölkerung gibt es, zumindest vorübergehend. Horrorgemälde wegen der Zeitumstellung sind allerdings nicht angebracht. Depressionen hängen oft mit der lichtarmen Winterzeit zusammen.
4. Unfallrisiken sinken bei längerem nutzbaren Tageslicht eindeutig, die technischen Umstellungsprobleme werden weitgehend problemlos bewältigt. Wer Probleme beim Schlafen oder Aufstehen hat, hat diese in der Regel auch ohne Zeitumstellung.
5. Die europäische Zeitzoneneinteilung ist historisch gewachsen und politisch gewollt. In Süd-Ostpolen geht die Sonne fast zwei Stunden früher auf als in der Bretagne oder Nordspanien, innerhalb der gleichen Zeitzone, die Differenz zwischen Berlin und Paris beträgt eine Stunde. Von Norden nach Süden sind die Unterschiede noch gravierender, monatelange Dunkelheit im Winter in Nordschweden und helle Sommernächte von Mai bis August, während in Sizilien oder Südspanien weitaus geringere Schwankungen festzustellen sind.
6. Der Mensch braucht Sonnenschein für sein inneres Gleichgewicht. Jede Stunde mehr fördert die Gesundheit, bringt Lebensfreude und Gestaltungskraft, nicht in der glühenden Mittagshitze, sondern am Abend nach der Arbeit, mit Freunden, in der Familie, bei der Freizeitgestaltung und der sportlichen Betätigung an der frischen Luft.
7. Sonnenlicht ist hundert mal stärker als künstliches Licht, die nutzbare Zeit wird in weiten Teilen Europas, vor allem in Mitteleuropa im Sommer deutlich verlängert. Sonnenschein und Lebensfreude bedingen einander.
8. Mehr Sonnenlicht sorgt für die Freisetzung von Glückshormonen und steigert das Wohlbefinden. Das zweimalige „Mini-Jetlag“ kann in wenigen Tagen überwunden werden.
9. Die Forderung, ganzjährig in Europa nicht mehr die Normalzeit (Winterzeit), sondern die Sommerzeit zu nutzen, hätte in Mitteleuropa unerwünschte Nebenfolgen, wenn z.B. im Juni in Berlin schon vor 4.00 Uhr in der „Nacht“ die Sonne auf geht oder im Dezember z.B. in Paris, Brüssel oder Amsterdam es bis kurz vor 10.00 Uhr dunkel bliebe, mit allen damit verbundenen Problemen.
10. Totz vorübergehender Übergangsprobleme in den ersten Tagen ist deshalb die Bilanz der geltenden Sommerzeitregelung insgesamt positiv. Sonne, Lebensfreude, Freizeitgestaltung und aktive Erholung wiegen die Nachteile für einen kleineren Teil der Bevölkerung auf. Deshalb gibt es keinen wirklichschwerwiegenden Grund für eine Änderung.

Meine Prognose: Auch 2025 wird es die jetzige Regelung noch geben. Und das zu Recht!